Wer Heilung braucht, soll heilen!

Die eine universelle Heilkraft ist jedem Menschen und jedem anderen Lebewesen zugänglich

Die Titelüberschrift “Wer Heilung braucht, soll heilen” stammt aus Ein Kurs in Wundern, genauer aus der für Psychotherapeuten gedachten Ergänzungsbroschüre dazu. Die Broschüre ist lesenswert, das eigentliche Buch Ein Kurs in Wundern konnte mich nie als Freund gewinnen, obwohl ich einige Anläufe gemacht habe und obwohl es bei vielen Spirituellen sehr geschätzt wird. Der Satz, wer Heilung braucht, soll heilen, ist sehr stimmig für mich! Mit anderen Worten, ich halte ihn in den meisten Fällen für zutreffend. Das hat wohl auch mit meinem Beruf zu tun. Man sagt ja den Psychiatern im Besonderen nach, sie würden den Beruf wählen, um ihre eigenen Probleme zu lösen. Da ist nicht viel dagegen einzuwenden und es spricht nicht gegen die Begabung und Qualität der Betroffenen. Es ist eine allgemeine menschliche Erfahrung, dass Hilfe an andere Menschen einem selber auch hilft. Helfen ist in der Regel gesünder und leichter als Hilfe annehmen. Viele Menschen kommen zu mir und erzählen über ihre Neigung und Begabung für eine heilende Tätigkeit. Dann kommt die Bemerkung: „Aber zuerst muss ich meine eigenen Probleme lösen“. Die Antwort ist manchmal Ja, viel häufiger aber Nein. Heiler sind nicht besser und haben nicht weniger Probleme zu bewältigen als alle anderen Menschen auch. Wie schon im letzten Kapitel angetönt, verhält es sich in manchen Fällen gerade umgekehrt. Ich habe Heiler und Medien in allerschwierigsten Situationen mit sich selbst, in der Partnerbeziehung, mit Kindern und manchem anderen erlebt. Ich habe nicht feststellen können, dass davon ihre Begabung abhängig gewesen wäre. Vielleicht hatten sie in Krisenzeiten weniger Kraft und Durchhaltevermögen, mussten sich häufiger schonen, mehr Pausen machen. Das ist bei allen Menschen so, die schwere Zeiten durchzumachen haben. Irgendwo habe ich den klugen Spruch gelesen, Gott heile auch durch Pflanzen und Tiere, die auch nicht zuerst ihre Probleme zu lösen hätten. Auf den Philippinen gab es eine schwerst behinderte junge Frau, die sich kaum bewegen und nur mit ihrer Mutter in einer rudimentären Sprache reden konnte. Trotzdem gingen Tausende von Heilung Suchenden über Jahre zu ihr. Der philippinische Heiler und Geistchirurg Toni Agpaoa, ebenso begabt wie umstritten, war gleichzeitig ein tüchtiger Geschäftsmann, der ein Hotel und noch weitere Betriebe besass. Er wurde seinerzeit aus der Philippinischen Heilerunion ausgeschlossen, weil er für seine Behandlungen Geld verlangte, was damals den Regeln dieser Vereinigung widersprach. Ausserdem soll er ein Lebemann mit besonderer Liebe für Frauen und Autos gewesen sein. Trotzdem bezeugten viele Menschen, sie seien von Agpaoa gesund gemacht worden. Eine mir gut bekannte Ärztin in der Schweiz hat mir überzeugende Beispiele von Heilungen durch Agpaoa berichtet. Die meisten dieser sogenannten Geistchirurgen sind allerdings sehr religiöse und gläubige Menschen mit oft strengen moralischen Grundsätzen. Und ich persönlich habe eindrücklich von ihnen profitiert und halte die meisten nicht für Scharlatane. Und ich weiss von keinem ausgebildeten Arzt oder Wissenschafter, der so viele Wochen so nahe diese Geistchirurgen begleitet, beobachtet und bei ihrer Arbeit assistiert hat wie ich. Es sind weder Heilige noch Scharlatane, nicht bessere oder schlechtere Menschen als wir. Sie haben nicht versucht, zuerst ihren Charakter zu ändern und alle ihre Probleme zu lösen, bevor sie mit Heilen angefangen haben. Ihre Einstellung bezüglich geistigem Heilen und Geldverdienen ist allerdings sehr unterschiedlich. Für die einen ist klar, dass sie ohne persönliche Entschädigung arbeiten und es gibt nur eine Spendenkasse. Andere haben klare Tarife, die von sehr günstig bis sehr teuer gehen. Ich habe nicht feststellen können, dass die Heilerfolge davon abhängen würden, ob sie viel oder wenig Geld verlangen oder sich auf Spenden beschränken. Der Filipino William Nonog beispielsweise kommt regelmässig auf Einladung in die Schweiz und verdient hier nach philippinischen Verhältnissen gutes Geld. Er hat sich ein schönes aber nicht luxuriöses Haus für seine Familie und die Praxis gebaut. Anderseits unterstützt er regelmässig die Ärmsten unter den Armen mit Nahrung, lässt Schulhäuser bauen und bezahlt Lehrer. Die Geschichte von William Nonog ist besonders interessant. Er berichtet, seine verstorbene Grossmutter habe ihn schon in seiner Kindheit besucht und bald davon gesprochen, er müsse Heiler werden. Seine Mutter habe ihm seine Kontakte mit der Grossmutter nicht geglaubt, und ihn vor der Heilertätigkeit gewarnt. Tatsächlich habe er nicht Heiler sondern Taxifahrer werden wollen, aber seine Grossmutter und deren Vater, also sein Urgrossvater, hätten ihm weiterhin zugesetzt. Offenbar hat sich die Situation zugespitzt, so dass er mit etwa 16 Jahren einen schweren Selbstmordversuch unternahm. Er schnitt sich nicht nur die Pulsadern durch, sondern stach sich selbst mit einem Messer in eine Niere. Durch den massiven Blutverlust sei er eine Nacht im Koma gelegen. Er habe diese eine Nacht aber subjektiv als hundert Jahre erlebt, die er in kompletter Dunkelheit erlebte. Als er in seinen Körper zurückgekehrt sei, wären seine Grossmutter und sein Urgrossvater mit ihm in seinen Körper gekommen. Sie hätten quasi zu dritt darin gewohnt. Nun, das ist eine phantastische Geschichte. Ich versuche sie nicht zu verstehen. In Europa habe ich hauptsächlich Menschen angetroffen, die sich wünschten, auf so genannt natürlichem Weg heilen zu können. Bei William war es das Gegenteil. Er versuchte, sich dem zu entziehen. Aufs Taxifahren wollte er übrigens nie ganz verzichten. Wenn ihm das Heilen zu viel wird, steigt er in sein entsprechendes Auto und vergnügte sich zur Abwechslung in seinem Wunschberuf.

Philippinische Patienten gehen nicht automatisch zu den Heilern. Wer es sich leisten kann, geht zunächst zu den in westlicher Medizin ausgebildeten Ärzten. Nur die Ärmsten und diejenigen, die bei der klassischen Medizin keine Hilfe finden, gehen in der Regel zu den Heilern und Geistchirurgen. Dies ist genauso in Brasilien oder Ecuador der Fall, also in Ländern, die nach religiösem und wirtschaftlichem Hintergrund den Philippinen ähnlich sind. Andererseits reisen die Leute aus den Bergen oft einen ganzen Tag und eine Nacht, um sich von William behandeln zu lassen. Kann sein, dass sie dann morgens um drei Uhr bei seinem Haus ankommen und anfangen recht hörbar zu schwatzen. Sie warten aber geduldig bis acht oder neun Uhr, bis das Heilen beginnt.

Ein eindrückliches Beispiel für die Behauptung, dass Heilende nicht bessere Menschen sind, wurde mir von Clemens Kuby erzählt. Als er um die Welt reiste, um viele verschiedene Heiler zu filmen, lernte er auch einen Amerikaner kennen. Kuby war aber offenbar von seiner primitiven, machohaften Einstellung und Sprache so angewidert, dass er bald wieder abreiste. Allerdings kontaktierte er danach doch einige seiner Klienten und hörte zu seinem Erstaunen von unwahrscheinlichen Heilerfolgen auch bei schweren körperlichen Erkrankungen. Ich habe Heiler erlebt mit ausgesprochen profiliertem Ego, andere mit Problemen im Umgang mit Alkohol. Aber ich konnte keine klare Beziehung dieser Voraussetzungen zum Heilerfolg feststellen. Für mich gilt: „Wer Heilung braucht, soll heilen“. Es spielt dabei keine Rolle, ob diese Heiltätigkeit nun in banaler alltäglicher oder in spektakulärer Form ausgeübt wird. Noch ein weiterer Leitsatz zum spirituellen Heilen gilt für mich. Er stammt von der Heilergemeinschaft „White Eagle“, die ihr Zentrum in England hat, wo die Bewegung durch das Channeln eines verstorbenen Indianers, eben White Eagle, ihren Anfang nahm: Wenn ein gesundheitliches Problem leicht und schnell durch eine medizinische oder chirurgische Massnahme behoben werden kann, soll man nicht viel Mühe auf geistiges Heilen verwenden! Also weg vom Heroismus. Weg von der mühseligen Überzeugung, es sei spirituell edler oder erfolgreicher, wenn man grosse Mühe für eine Heilung aufgewendet habe. Man darf sich von der Medizin ja auch etwas Gutes tun oder gar sich verwöhnen lassen. Ist es nicht wunderbar, dass man sich passiv einer Operation überlassen kann, wo die Verantwortung ganz bei den anderen liegt und nachher ist das Problem in vielen Fällen behoben? Erinnert doch ganz an das, was man von Gott erwartet, auch wenn wir armen Ärzte längst von unseren halbgöttlichen Thronen gestossen wurden. Meistens bleibt ja nach dem Eingriff sowieso noch genug Mühe, die man für die Rehabilitation oder endgültige Heilung auf sich nehmen muss. Ich schreibe dies, weil ich schon viel prinzipielle Ablehnung der klassischen Medizin gegenüber erlebt habe, weil man die geistigen Methoden als spiritueller ansah. Das brachte nicht selten auch schädliche Verzögerungen von Diagnosen und Heilmassnahmen mit sich. Der grosse englische Heiler Harry Edwards, den ich nicht mehr persönlich gekannt habe, meinte, eine Voraussetzung zum Heilen sei die tiefe Sehnsucht, Schmerz wegzunehmen und Leid zu lindern und geeignet sei, wer mit anderen fühlen und ihre Not mitempfinden könne. Ich denke, das stimmt in vielen Fällen sowohl für Ärzte wie für Heiler. Trotzdem sollte man das nicht als Qualitätsmerkmal festlegen. Zum Geistheilen in engerem Sinne meint Edwards: „Wenn sie Heilungen gesehen haben, fühlen einige Leute den Drang zu heilen und es gelingt ihnen weit über ihre Erwartungen. Heilen ist etwas Natürliches und es ist klar, dass diese Leute sich zum Heilen eignen. Sie sind Heiler in einfacher, ungekünstelter Art. Sie brauchen keine weitere Technik zu erlernen“. Auch bei Edwards habe ich nichts davon gelesen, man müsse zuerst seine eigenen Probleme lösen. Allerdings halte ich eine Ausbildung in irgend einem therapeutischen Beruf für angebracht, weil man viele allgemein gültige Regeln für den Umgang mit Patienten kennen lernt und für die Respektierung von Grenzen sensibilisiert wird. Weiter oben habe ich geschrieben, dass ich manche Heiler mit einem sehr kräftigen Ego kennen gelernt habe und andere mit für uns zweifelhaftem Charakter. Die Wichtigkeit eines starken Egos betone ich hier erneut. Trotzdem kann ich nicht ausschliessen, dass es für die eigentliche Heiltätigkeit vorteilhaft oder notwendig sein kann, das Ego beiseite zu lassen und möglichst mit dem Bewusstsein im geistig-seelischen Bereich zu sein. Edwards schreibt: „Die ganze Zeit über muss der Heiler auf seinen Geistführer und den Patienten eingestellt sein. Man soll das Gefühl erreichen, als ob die Hände dem Patienten gehörten und mit ihm zusammengeschweisst wären. Dann beginnt die Heilung. Der Heiler konzentriert sich nun ganz auf seine Arbeit und denkt nur an die Heilung. Er vergisst sich selbst. Nur seine Hand lebt. In diese verlegt er sein ganzes Sein, sein Gemüt, sein wahres Selbst. Die Hand ist voller Leben, sie lebt. Er fühlt seine Hand nicht mehr als Teil von sich, sondern eher als eine geistige Hand im Kontakt mit dem Geistkörper des Patienten. Dies geschehe leicht und natürlich, ohne Anstrengung“. Ob dies nur für Harry Edwards persönlich gilt oder eher ein allgemeiner Grundsatz ist, weiss ich nicht. Möglicherweise ist es nicht nur für Heilende sondern auch für Heilung Suchende beziehungsweise Heilung Empfangende günstig, mehr vom Ego, dem Meister unserer irdischen Person, weg ins Geistige zu gehen für den Heilvorgang. Unser Alltagsverstand oder eben unser Ego bezieht seine Logik aus den alltäglichen Erfahrungen und die sind in unserer Kultur ihrer Natur nach, kausal und rational. Also kann dieses Ego mit seinem Denken in physikalischen Ursache-Wirkung Kategorien eigentlich gar nie verstehen und glauben, dass so etwas wie geistiges Heilen möglich sein könnte. Philippinische Heiler sind der Ansicht, es sei schwieriger westliche Patienten zu heilen als einheimische. William Nonog sagt, die philippinischen Patienten würden anfangen zu beten und sich auf Gott einstellen. Westliche Patienten würden neugierig versuchen, zu sehen, was denn geschehe und allenfalls sich auch fotografieren und filmen lassen. Das könnte wohl ein Unterschied in der Egopräsenz und in der Art des Denkens sein, der den Unterschied in der Heilwirkung beeinflusst.

Ähnlich wie Edwards äussert sich der ebenso grosse amerikanische Heiler Joel S. Goldsmith in dem empfehlenswerten Buch „Die Kunst der geistigen Heilung“: „Ich sah, dass jeder, der mich aufsuchte, Gott war als individuelles Sein; und diese Wahrheit brachte Harmonie mit sich. Diese Wahrheit offenbarte die Göttlichkeit ihres Seins und ihres Körpers… Nachdem du diese Wahrheit in dich aufgenommen hast, indem du mit ihr gelebt und dich in ihr geübt hast, indem du jeden Mann, jede Frau und jedes Kind, jedes Tier, jede Pflanze und jeden Stein auf der Welt in der Erkenntnis betrachtest: Dies ist Gott, der da erscheint als…Nachdem du diese Wahrheit in dich aufgenommen hast, indem du mit ihr gelebt und dich in ihr geübt hast, entfaltest du jenes heilende Bewusstsein, das den Menschen nie in seiner Menschlichkeit sieht, sondern sofort mit seinem geistigen Bewusstsein in Berührung tritt. Du übst dich darin, den Menschen nicht nach seinem Aussehen zu beurteilen, sondern durch seine Augen hindurch, hinter seine Augen zu blicken, in der Erkenntnis, dass dort der Christus Gottes gegenwärtig ist. Man setzt sich nur hin in dem Bewusstsein, dass der Geist ein Gefäss zum Empfangen ist, für jene stille, leise Stimme, für das, was Gott genannt wird, was die Seele des Menschen ist. Du verhältst dich vollkommen aufnahmebereit für das, welches dich am Anfang schuf und das um das Geschick jedes einzelnen weiss. Nimm durch deinen Geist die Wahrheit Gottes wahr und diese Wahrheit wird das Werk vollbringen, nicht aber dein Geist und nicht deine Gedanken.“ Es gibt es auch klare Unterschiede zwischen beiden den beiden berühmten Heilern: Goldsmith meint, man solle frei von jeglichen Gedanken werden, während Edwards rät, man solle nicht versuchen, keine Gedanken zu haben, da dies sowieso unmöglich sei. Ich neige nach meinen Erfahrungen der Meinung von Edwards zu. Doch zeigt sich auch hier, dass du frei bist, deinen eigenen Glauben zu haben, deine eigenen Erfahrungen zu machen und deinen eigenen Weg zu gehen.